Über Künstler, Werk und das eigentliche Problem

In meinem ersten richtigen Blogpost möchte ich auf einen Artikel von dailydot Bezug nehmen (unbedingt auch lesen, besonders die Links am Ende sind sehr hilfreich!), den mir Christopher geschickt hat und der u.a. auch schon von Vrouwelin behandelt wurde.

Es geht zum Anlass eines neuen Woody-Allen-Films darum, ob man Kinokarten dazu guten Gewissens kaufen kann, wenn man vom langjährigen Missbrauch an der Tochter seiner Ex-Frau weiß. Es werden weitere Beispiele, etwa der mittlerweile eindeutige Fall von R Kelly, gebracht. Ich möchte das Thema ein wenig allgemeiner aufmachen.


tl;dr: Die Frage, ob man nun Tickets zu Woody-Allen-Filmen kaufen „darf“, kann nur der und die Einzelne nach dem eigenen Wissensstand und der eigenen Integrität beantworten. Die Frage, ob und wie das Werk mit den Taten oder den zu verurteilenden Ansichten eines Künstlers überhaupt in Verbindung steht, kann auch ein Faktor sein.


Zuallererst möchte ich klarstellen, dass es wie so ziemlich überall auch hier kein objektives Richtig und Falsch geben kann. Die Frage, ob sich Künstler und Werk trennen lassen und ob man das Werk eines Künstlers, dessen Taten man ablehnt, trotzdem genießen kann und darf, ist viel zu allgemein als dass es darauf jemals eine eindeutige Antwort geben könnte.
Zentral ist, wie der und die Einzelne den Fall bewertet: Was weiß man sicher? Wie schwer bewertet man die Tat im Kontext der eigenen Moralvorstellungen? Wie wichtig ist einem das Werk? Etc. Nur von der eigenen Bewertung und dem eigenen Gewissen ausgehend kann man überhaupt eine sinnvolle Entscheidung treffen. (Auch wenn, wie ich fürchte, die meisten Leute aus Bequemlichkeit überhaupt keine treffen und die Zusammenhänge einfach ausblenden. Wir sind eben Meister der Scheinauflösung kognitiver Dissonanz.)

Um die Vielfalt der Fälle zumindest anzureißen, möchte ich zunächst darüber sprechen, inwiefern das Werk überhaupt in Bezug zu den zweifelhaften (bzw. eindeutig zu verurteilenden) Taten und Ansichten des Künstlers steht bzw. stehen kann.

Beispiel 1: Richard Wagner. Ja, es mag episch sein, ja es ist Musikgeschichte. Es ist aber auch purer Antisemitismus. Ohne Musikwissenschaftler zu sein: Der Antisemitismus trieft nur so aus allen Werken, die ich bisher von Wagner kenne – jedenfalls allen mit (Kon)Text. Natürlich kann man die historische Bedeutung der Werke anerkennen (die so groß wohl nicht ist, wenn er scheinbar einiges abgeguckt hat – gerne von jüdischen Komponisten, bei denen er anschließend dafür sorgte, dass sie politisch verfolgt wurden…) und sich beim nächsten Ritt der Walküren wieder vorstellen, man würde siegreich auf einem weißen Pferd in Rom einziehen. Man kann aber auch einsehen, dass all der Hass, den man am Menschen Wagner ablehnt, auch in den Werken steckt – egal wie episch und erhebend sie im ersten Moment klingen. Und damit ist, meiner Meinung nach, auch das Werk absolut abzulehnen. Mit der gleichen Begründung lehne ich moderne Interpreten wie die Böhsen Onkelz, Xavier Naidoo oder Metallica ab – da ist mir zu viel Faschismus, religiöser Fanatismus bzw. Gewalt drin, auch wenn ich Melodien, Gesangsstimme oder Gitarrenriffs musikalisch toll finden könnte.
(Dazu sei noch gesagt, dass man in Einzelfällen durchaus falsch liegen kann, vor allem wenn Straftaten über lange Zeit verhandelt werden und die Beweislage widersprüchlich ist. Aber wie mit allem im Leben ist es dann an einem selbst, die zuvor getroffenen Annahmen neu zu prüfen, unter Berücksichtigung neuer Informationen, und ein neues Urteil zu fällen. Da kann sich meine Meinung von einem Menschen natürlich theoretisch sogar mehrmals wechseln – und da ist nichts Schlimmes dabei. Im Gegenteil. Ich finde, das muss sie sogar. Alles Andere wäre Selbstbetrug.
Wenn ich dann aber an der Kinokasse stehe, können nur mein eigenes Gewissen und meine eigene Integrität mir beantworten, ob ich die Karte nun kaufe oder nicht. Ob mich die Informationen, die ich habe, ein ausreichend klares Bild zeichnen lassen oder nicht. Ob mir das gewonnene Bild positiv oder negativ genug ist, die eine oder andere Entscheidung zu rechtfertigen.)

Beispiel 2: John Lennon. Seine nun hinreichend bekannte häusliche Gewalt ist in jeder Form abzulehnen und man kann zurecht ihn als Mensch und auch als Künstler dafür ablehnen. Dann aber höre ich ein Meisterwerk wie „Imagine“, das Frieden und Gewaltlosigkeit predigt, in einer so eindringlichen und wunderschönen Art und Weise. Kann ich diesen Song, der doch genau das Gegenteil von dem ausdrückt, was ich an Lennon kritisiere, wirklich verurteilen? Ich finde, es macht absolut keinen Sinn einen Teil seines Werkes, der in der Vergangenheit so viel Gutes gestiftet hat und so viel Unterstützenswertes an die Hörer bringt, zu boykottieren. Sich gegen häusliche Gewalt engagieren, aber Kunst gegen Gewalt boykottieren? Wo passt das bitte zusammen?

Beispiel 3: Nehmen wir an, ein Künstler macht sich durch mehrfache Gewalttaten an seiner Familie strafbar und wird verurteilt. Nun nehmen wir an, er schreibt Jahrzehnte später ein Album, das von Reue, Schmerz, den Mechanismen häuslicher Gewalt, dem Leben mit der Schuld etc pp handelt. Warum sollte ich dieses Album „nur“ wegen der Geschichte des Interpreten boykottieren müssen? Wo die Kunst doch ggf. genau meine Einstellung wiederspiegelt? Wo das Album vielleicht aktiv gegen häusliche Gewalt wirken könnte, weil es andere Täter und potentielle Täter zum Denken anregt?
Zugegeben, nur wenige Prominente scheinen sich wirklich zu ändern und wirklich – öffentlich – zu bereuen. Und sich dann auch noch gegen die jeweilige Problematik zu engagieren. Wirklich daraus gelernt zu haben und ein besserer Mensch geworden zu sein. Das liegt aber, so vermute ich, auch daran, dass sie oft nicht in gleichem Maße zur Rechenschaft gezogen werden wie andere, „gewöhnliche“ Täter. Aber dazu später mehr. (Nicht, dass allein durch eine Gefängnisstrafe o. Ä. je jemand ein besserer Mensch geworden wäre, aber das ist eine ganz andere Geschichte.)

Natürlich steht jedem frei, einen Künstler wegen solcher Taten als Person nicht unterstützen zu wollen. Das ist eine ganz persönliche Gewissensfrage. Aber die Beispiele haben hoffentlich meinen Gedanken aufzeigen können, dass es im Einzelfall durchaus möglich ist, Künstler und Werk zu trennen. Das eine abzulehnen und das andere zu unterstützen und dabei trotzdem logisch und halbwegs integer zu bleiben.

Dazu sei noch gesagt, dass das Wissen um die Taten eines Künstlers die Wahrnehmung seines oder ihres Werkes stark verändern kann. Wie Sarah Weber im oben genannten Artikel schreibt, seien während der Verhandlung von Woody Allen’s Fall überzeugende Analysen seiner Werke entstanden, die seine Ideen und Taten in vielen seiner Filme verteidigt sehen und damit die Trennung zwischen abzulehnendem Künstler und zuvor scheinbar harmlosem Werk unmöglich machen. An einem solchen Punkt sollte man dann vielleicht einsehen, dass man problematische Zusammenhänge ausgeblendet oder einfach nicht gesehen hat und seine Meinung auch zu eventuellen Lieblingsfilmen überdenken muss. Wer vorgibt, nach einer möglichst nachvollziehbaren gemeinsamen Wahrheit zu streben, muss auch von Liebgewonnenem Abstand nehmen können, wenn es sichtbar anfängt, zu verrotten.
(Um die Frage an mich persönlich zu beantworten: Nein, ich möchte nun erstmal keine Woody-Allen-Filme mehr sehen.)

Ebenso muss ich noch loswerden, dass die Handlungen der genannten Menschen schlimm sind – das macht sie nicht als Person zum personifizierten Bösen. Auch „gute Menschen“ (was immer das ist) machen schlimme Dinge. Nicht jeder wird als allwissender Messias geboren und kann innerhalb des eingeschränkten Blickwinkels, den wir nun mal zwangsweise alle haben, alles gleich ausreichend gut bewerten, alle seine emotionalen und körperlichen Impulse unter Kontrolle bringen und über dem ihn sich unterwerfenden System stehen. Hitler hat bestimmt ein paar schöne Bilder gemalt und Ghandi hat bestimmt mal seine Frau angeschrien – um mal kurz ganz, ganz polemisch zu werden.  (Hier z. B. zwei nicht unspannende Seiten Ghandis.) Schaut man näher in die Biografien und wirft man mal kurz den Empathie-Motor an, findet man immer tausende Indizien und Theorien, wie es zu bestimmten Einstellungen und Handlungen kommen konnte. In den meisten Fällen beginnt man, die Täter irgendwie zu verstehen, auch wenn die Taten noch so verabscheuungswürdig bleiben. Das kann in keinem Fall eine Entschuldigung der Taten sein, führt uns aber immer wieder vor Augen, wie komplex Menschen in Wirklichkeit (alle!) sind und dass auch wir uns durch einen Moment der Schwäche und in den falschen Umständen zum Bösewicht hätten entwickeln können. Überhaupt: Fassen wir uns doch ruhig mal an die eigene Nase. Manchmal ist es erschreckend, was man sich unter dem Deckmantel bester Intentionen selbst so durchgehen lässt…

Bei all den Fragen, was wir nun machen oder nicht machen sollen, vergessen wir aber gerne den Kern der Sache: Täter dürfen nicht besser behandelt werden, nur weil sie berühmt oder irgendwie wichtig sind. Täter müssen, wie jeder andere Bürger eines Landes, möglichst unter gleichen Voraussetzungen zur Rechenschaft gezogen werden, sonst macht sich das Rechtssystem lächerlich und wird zunehmend (ja, da geht tatsächlich immer noch was) dysfunktional und damit obsolet.
Wenn all die Straftaten von sogenannten Genies und Prominenten (wie auch Konzernbossen, Offizieren, Politikern… ) schnell und gründlich aufgeklärt werden könnten und die Täter ohne Bevorzugung nach geltendem Recht halbwegs angemessen verurteilt würden (und Machthierarchien im Rechtssystem keinen Platz hätten), müssten wir uns die Frage gar nicht stellen, ob wir uns den nächsten Woody Allen Film ansehen oder nicht. Ist seine Tat „schlimm genug“ und das Gesetz entsprechend „gerecht“, er würde (vorerst) schlicht und einfach keine machen können. Und erst recht würde er keine Preise für seinen Einsatz für Frauen gewinnen(!!).
Also: Wenn ihr Zeit mit der Frage verbringt, ob ihr euch das nächste Album eines mehrfachen Gewalttäters kaufen solltet, stellt euch auch die Frage, wie kaputt ein staatliches System sein muss, wenn diese immer noch unbeschwert weiter gewalttätig werden können. (Und wie man es vielleicht ein bisschen weniger kaputt gestalten könnte.)

So, und jetzt ihr. Macht es Sinn, was ich mir da gerade runtergerantet habe? Wo liege ich falsch? Aber immer schön konstruktiv bleiben, bitte. Und wer noch Links und Belege für mich hat, immer her damit.


Updates:
Mit Dank an Pulegon habe ich noch Links zur anderen Seite der Ghandi-Medaille eingefügt.

Herr Martinsen hat mich auf eine fehlleitende Formulierung im Beispiel Wagner aufmerksam gemacht. Danke! Ist korrigiert :)

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6 Gedanken zu “Über Künstler, Werk und das eigentliche Problem

  1. Hallo gruenkariert,

    Glückwünsche zum Blog! Mögen die Götter des Internets milde auf deine Texte Blicken und jeden Shitstorm von Dir fern halten.

    Zum Text: Danke für diesen außerordentlich gut formulierten und sehr anregenden Beitrag. Schon die abwägende und sehr ausbalancierte Betrachtung von Werk, Autor und Kontext, sowie ihre Beziehung zum Selbst und der Selbstbewertung treffen (für mich ganz persönlich) den Kern:

    „Zentral ist, wie der und die Einzelne den Fall bewertet: Was weiß man sicher? Wie schwer bewertet man die Tat im Kontext der eigenen Moralvorstellungen? Wie wichtig ist einem das Werk? Etc. Nur von der eigenen Bewertung und dem eigenen Gewissen ausgehend kann man überhaupt eine sinnvolle Entscheidung treffen.“

    Gerade ich, durch Vielbeschallung mit Loriot eigentlich Wagner-Enthusiast mit dadurch hervorgerufenem Schuldkomplex, fühle mich in meinem Unbehagen den Inhalten gegenüber doch in deinem Text wieder. Auch wenn Siegmund und Sieglindes „O Süßeste Wonne, Seligstes Weib“ tatsächlich ein Liebeslied epischen Ausmaßes ist, das auf musikalischer Ebene als anziehend empfunden werden kann („Mit der gleichen Begründung lehne ich moderne Interpreten wie die Böhsen Onkelz, Xavier Naidoo oder Metallica ab – da ist mir zu viel Faschismus, religiöser Fanatismus bzw. Gewalt drin, auch wenn ich Melodien, Gesangsstimme oder Gitarrenriffs musikalisch toll finden könnte“), ist es dennoch eine Geschichte, die ganz freudianisch eine archaische Kontroll- und Machtphantasie aufrecht erhält, die einen Mythos von Liebe und menschlicher Erhabenheit verfestigt, der mit Sicherheit nicht zur Veränderung gesellschaftlicher Konventionen beiträgt oder gar humanistisch gelesen werden kann (Stichwort: Gender… aber correct me if I’m wrong). Auch die antisemitischen Anteile liegen gleich unterhalb der Oberfläche von Macht- und Liebesspielereien, wenn man alles im historischen und biografischen Kontext betrachtet, und machen Wagners Werk, wenn auch vielleicht nicht für jeden unhörbar, doch definitiv zu einem historischen Artefakt, das als solches unter dem Brennglas heutigen Denkens kritisch dekonstruiert und bewertet gehört.

    Dass dabei der „Spaß“ an einem Werk – Wagner oder nicht – verloren gehen kann (und vielleicht sogar soll), liegt auf der Hand. Sich auf diese Erfahrung einlassen zu können, dieses Dekonstruieren, vielleicht sogar Zerstören, eines Lieblings[insert noun here], erfordert nicht nur intellektuelle Fähigkeiten, sondern auch eine gehörige Portion Mut und emotionaler Stabilität: wie viele Musiker_Innen für mich in den letzten Jahren gestorben sind, einfach weil ich plötzlich Dinge verstand, die ich vorher nicht verstehen konnte, kann ich kaum aufzählen (Naidoo und die Söhne Mannheims gehören definitiv dazu, aber auch einfach viele Liebeslieder, deren Autoren zwar vielleicht okay sind, die textlich aber vollkommen daneben sind, wenn man sie mal wirklich (!!) anhört)… Und wieviel Herzschmerz dieser Trennungsprozess bedeutet… Naja. Wenn man seine Kindheit mit Band X verbracht hat und plötzlich die Fähigkeit erwirbt mit der Interpretationsschere umzugehen, tut der Einschnitt doch manchmal heftig weh. Aber einen faulen Zahn zu ziehen tut auch weh und am Ende ist man froh, wenn man ihn los ist.

    Deinen Fingerzeig in Richtung der sozio-politischen Ebene des Ganzen finde ich ausgesprochen wichtig und zeigt, wie eng persönliche Entscheidungsfreiheit mit dem Großen Ganzen zusammenhängt. Jede einzelne Entscheidung für oder gegen Werk / Autor_In etc. ist ein Statement in sich (die Fiktion von der Trennung von Privatem und Politischem, siehe z.B. Butler), das man auch macht, wenn man nicht dazu bereit ist. Die Verantwortung für diese Entscheidungen zu tragen und sie sich bewusst zu machen verlangt jedem wirklich viel ab, ist aber auch eine bereichernde Erfahrung (man lernt ja zum Glück nie aus!).

    Eine Frage würde ich anhängen wollen, ganz spezifisch wenn es um das Thema Gewalt in der Kunst geht, auch weil ich mich das Thema seit Ewigkeiten nicht loslässt: Die Frage ist bei der Betrachtung eines Werks mit Gewalt-bezogenem Inhalt, ob dieses auch als tatsächlicher Auslöser von Gewalt verstanden werden und damit verurteilt werden muss. Wenn Kunst generell die Verhandlung von menschlichen Gefühls- und Gedankenwelten zur Aufgabe hat, müssen Darstellungen von Gewalt in Kunst/Musik etc. dann nicht Berechtigung haben und auch rezipiert werden als Verhandlungen eines wichtigen Menschheitsthemas (sei diese Verhandlung nun ernst, aggressiv, parodistisch oder anderweitig geformt)? Ist da nicht ein Unterschied zwischen der Darstellung bestimmter Themen als legitimer Ausdruck und wichtiger Verhandlung von Gefühlen und Gedanken, und der Annahme, dass die beschriebenen Taten (Unterdrückung von Anderen, Gewalt an Anderen etc.) an sich legitim sind? Und: Wie hat das Einfluss auf unsere persönliche Bewertung von Werken und Autoren und unserer Entscheidung zu Konsum oder Nicht-Konsum?

    Uff… hat das gerade überhaupt Sinn gemacht?

    Vielen Dank noch einmal für deinen Eintrag. Meine Welt verändert sich durch Austausch und jetzt denke ich bereits anders, als noch vor einer Stunde, als ich deinen Text gelesen habe. Ich freue mich auf mehr Veränderung.

    Grüße,
    Trommel

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    1. Wow. Danke für deinen ausführlichen Kommentar! Du hast noch einige Aspekte ergänzt, die unbedingt dazu gehören.

      Ich kann sehr mitfühlen, was das Loslassen alter Lieblings-Irgendwasse angeht. Gerade die Ersten und die „Großen“ Lieblinge, die man dekonstruiert, tun richtig weh.
      Mittlerweile bin ich fast schon lieblos mit Kunst und Künstlern geworden. Nicht, dass ich mich nicht mehr leidenschaftlich in einzelne Songs, Alben, Bilder oder Serien verlieben könnte – aber ich möchte schon behaupten, dass es mir mittlerweile sehr leicht von der Hand geht, Dinge mit „ok, war schön mit dir, aber wir passen einfach nicht mehr zusammen“ zu den Akten zu legen. Vielleicht liegt das aber auch an der unendlichen Auswahl, die uns heute offen steht. Ich habe z. B. noch so viele ungelesene Bücher in Regal, E-Book-Reader und Wunschliste, dass es nicht mehr schwerfällt, ein schlechtes oder irgendwie ablehnenswertes Buch einfach beiseite zu legen. Lebenszeit ist schließlich auch begrenzt ;) Im Gegenzug finde ich dann manchmal auch alte Schätzchen wieder, die mit heutigem Wissen sogar an Wert gewinnen (um ein Beispiel zu geben: so ging es mir mit der Band/RnB-Truppe S.P.O.O.K.S.).
      Und ehrlich gesagt habe ich wenig Verständnis für Leute (my fellow Geisteswissenschaftler will know what I mean), die offen sagen, „nee, das will ich nicht analysieren, das macht es mir hinterher noch kaputt!“ DAS IST DOCH GERADE DER PUNKT. Wenn dasjenige Etwas deiner eigenen Analyse nicht standhält, ist es nicht gut genug für dich. Trenn dich davon und freu dich drüber! Warum sollte man sich bewusst mit Schlechterem zufrieden geben, obwohl man es besser weiß? Wie so oft ist der einzige Grund: Pauschale Angst vor Veränderung. (Soweit meine These.)

      „Wenn Kunst generell die Verhandlung von menschlichen Gefühls- und Gedankenwelten zur Aufgabe hat, müssen Darstellungen von Gewalt in Kunst/Musik etc. dann nicht Berechtigung haben und auch rezipiert werden als Verhandlungen eines wichtigen Menschheitsthemas (sei diese Verhandlung nun ernst, aggressiv, parodistisch oder anderweitig geformt)?“

      Ja. Ich finde, Gewalt (wie auch Hass, ungleiche Machtausübung etc.) darf und muss seinen Platz in der Kunst haben. Es ist ein absolut grundlegendes Thema der Menschheit und der Job jedes guten Künstlers, er sich auch nur am Rande mit einem solchen Thema beschäftigt ist es, uns neue Perspektiven zu gewähren, es in neuen Kontexten zu präsentieren, in aktuelle Kontexte einzuordnen, Zukunftsvisionen aufzuzeigen usw.
      Leider weiß ich nicht mehr, von wem das Zitat stammt, aber für mich ist Kunst etwas neu Geschaffenes, das „etwas mit dir macht“, dich also irgendwie aufwühlt und/oder verändert bzw. einen Veränderungsprozess einleitet. Und auch das – herrje – ist wieder unglaublich subjektiv.
      Jedenfalls bin ich dankbar für jede Gewaltszene im Fernsehen, egal wie blutig, wenn sie tatsächlich etwas zu sagen hat. Wenn sie tatsächlich etwas ausdrückt, etwas mit den Zuschauern macht, die Gefühlswelt und Motive einer Figur eindeutiger macht oder Ähnliches. Dagegen nervt mich jede x-te Vergewaltigungsszene, die nur dafür da ist, dem Helden einen Startpunkt, nämlich Rache, zu geben. (Das geht besser, liebe Autoren!!) Oder komplett unnötige „Sex“szenen, die nicht nur total von einem extrem wichtigen Monolog ablenken, sondern auch mal wieder weibliche Sexualität als Produkt einzig der männlichen Begierde zementieren – ja, ich sehe dich an, Game of Thrones! Aber ich schweife ab.

      „Wie hat das Einfluss auf unsere persönliche Bewertung von Werken und Autoren und unserer Entscheidung zu Konsum oder Nicht-Konsum?“

      Neben der persönlichen (politischen) Einstellung – als Pazifist werde ich zum Beispiel nicht sooo viel Spaß an 300 und seiner Kriegsverherrlichung haben – spielen hier vor allem Gewohnheiten und persönliche (psychische?) Grenzen eine sehr große Rolle, würde ich sagen. Gerade beim Thema Gewalt. Wie viel Blut kann ich sehen? Welche Ängste, Traumata usw. spielen eine Rolle in meinem täglichen Leben? Egal wie künstlerisch wertvoll ein Film ist, bin ich vielleicht einfach (gerade) nicht in der Lage, mir zum Beispiel eine Vergewaltigungsszene reinzuziehen. Das ist völlig ok und sollte von jedem respektiert werden. (Aus gleichem Grund kann man natürlich auch den Film eines Regisseurs, den man als Vergewaltiger kennt, ablehnen. Nicht nur „dem geb ich nicht mein Geld“ sondern eben „ich müsste beim Film die ganze Zeit über seine Taten nachdenken und hätte keinen Spaß“. Ich hatte zum Beispiel lange Zeit große Probleme mit Zombies. Selbst in Filmen wie Shaun of the Dead! Super lustig, aber der Kontext war egal. Zombies sehen löste bei mir eine kleine Panikattacke aus und es ging mir einfach schlecht. Also hab ich mich halt als Weichei beschimpfen lassen und es nicht mehr geguckt. Mittlerweile ist das kein Problem mehr (zu der Geschichte vielleicht in Zukunft mal ein Blogpost?^^), aber solche Entwicklungen können nur von einem selbst ausgehen. Ich werde nicht „härter“, nur weil sich jemand über meine Schwäche lustig macht. Ich werde stabiler, weil ich mich in eigenem Tempo und in mental starken Phasen mit meinen Schwächen auseinandersetze. Moment, ich schweife schon wieder ab :D

      Toll, dass ich ein wenig zum Denken anregen konnte. Mein Dank für den Publikationsdruck an dieser Stelle nochmal an den Vanilla_Chief! Das ist übrigens der ganze Grund, warum ich das hier jetzt versuche zu machen: Austausch, Realität abgleichen, die eigene Meinung auf den Prüfstand stellen. Wenn die auf Interesse stößt, so sehr mich das wundert, freut es mich sehr :)

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      1. Und wieder, die eigene Emotionalität ist super wichtig, auch im politischen Kontext! :)
        Das 300-Beispiel ist interessant: Ich bin ebenfalls Pazifist, definitiv, und dennoch resonieren solche Filme und andere Pop-Kultur-Produkte in mir auf einer sehr basalen, emotionalen Ebene (300, Expendables, WWE, the whole caboodle), auch wenn ich sie im Ganzen oder in Teilen auf Bedeutungsebenen dekonstruieren kann und aus unterschiedlichsten Gründen als problematisch einstufe. Wieder stellt sich mir die Frage: Ist das, was ich auf der Oberfläche sehe wirklich das, was mir als real ligitim präsentiert wird. Und das ist, wie Du ja sehr richtig betonst, vom Rezipienten abhägig. Denn „das Werk“ von „dem Autoren“ gibt es ja so nicht… naja, zumindest nicht in ein paar fortschrittlichen Teilen der universitären Wissenschaft… in anderen Teilen… hmpf…
        Danke für deine Gedanken dazu!

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  2. Pingback: Das Allen-Dilemma

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