Innenraum einer Bahnhofshalle

Über das Warten.

„If you really want to escape the things that harass you, what you need is not to be in a different place but to be a different person.” – Seneca, Ep 104.8

(Frei übersetzt: Um den Dingen, die dir zusetzen, wirklich zu entkommen, musst du nicht an einen anderen Ort ziehen, sondern eine andere Person werden.)


tl;dr: Wartet nicht auf ein Wunder, ändert jetzt was. Und ändert euch selbst.


Mein ganzes Leben habe ich gewartet. Gewartet auf den nächsten Schritt in meinem Leben. Gewartet auf die nächste Veränderung, die ohnehin automatisch kam – oder zumindest dachte ich das. Weiterführende Schule, Oberstufe, neuer Job, Uni, Zuhause Ausziehen. Wenn erst XY, dann wird alles besser! Ist ja nicht mehr lange! Kann man ja absehen!

Pustekuchen.

Das einzige, was sich „automatisch“ geändert hat, war der Ort, an dem ich war und die Dinge, mit denen ich den Großteil meines Tages füllen musste. Was sich an solchen Übergängen aber nie geändert hat, waren genau die Dinge, die mich genervt, verletzt oder gleich richtig kaputt gemacht haben. Fehlendes Selbstvertrauen. Nicht genug Geld. Die nervige kleine Schwester. Angst vor allem und jedem. Angst vorm Alleinsein. Ein paar Kilos zu viel. Verpflichtungen und Hobbys, die längst keinen Spaß mehr machten. Sehnsucht nach Ruhe und Freiheit. Der Psychoterror einer unheilbaren Beziehung.

Ich behaupte nicht, dass es einfach ist, Dinge zu ändern. Die zwei Entscheidungen in meinem Leben, die sich bis heute mit Abstand am besten angefühlt haben, waren die allerschwersten. Beide waren sehr, sehr, sehr lange weg geschoben. Bei beiden habe ich sehr, sehr, sehr lange darauf gewartet, dass sich beim nächsten xyz ganz bestimmt was ändert. Bei beiden war es unfassbar schwer, sich dazu aufzuraffen, endlich die richtige Entscheidung zu treffen, statt gar keine. Es musste viel zu schlimm werden, bis ich bereit war. In beiden Fällen habe ich mich von Menschen, mit denen ich vorher einen großen Teil meines Lebens verbracht hatte, für immer getrennt. Und es war so dermaßen überfällig.

Kein neuer Lebensabschnitt, kein Szenenwechsel hat jemals eine schlechte Angewohnheit, eine kranke Beziehung oder Freundschaft, eine ungesunde Umgebung von selbst geändert. Ich musste mich ändern. Nicht die Situation, in der ich steckte, war das Problem, sondern die Art, wie ich damit umging. Die ängstliche, Konflikte vermeidende Person, die ich war. (Und dass ich das jetzt im Präteritum schreibe, ist auch eher Wunschdenken.)

Ich denke, alles was ich mit diesem wiedermal unfreiwillig viel zu persönlichen Blogpost sagen will, ist: Schiebt es nicht auf. Wenn euch etwas nicht gut tut und ihr das sicher wisst, ändert jetzt etwas. (Hint: Wenn ihr täglich fantasiert, dass euer Scheißjob auf Anhieb ertragbar wäre, wenn nur euer Chef morgen an einer unheilbaren Krankheit sterben würde, kann man das „sicher wissen“ nennen.) Nicht morgen, nicht nächste Woche, nicht wenn erstmal XY fertig ist. Jetzt. Sofort den ersten Schritt machen, sofort kommunizieren, was nicht stimmt. Diese Ehrlichkeit – auch sich selbst gegenüber – ist so viel mehr wert als ein gut gemeintes, aber letztendlich nur verlogenes Rumgedruckse. Ja, sie ist unbequem, aber mal im Ernst: Es gibt doch eh keine realistische Alternative. Also warum auch nur einen Tag länger quälen? Die Chance, eine Person zu werden, die mit solchen Situationen umgehen kann, liegt direkt vor euren Füßen.

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2 Gedanken zu “Über das Warten.

  1. Danke. Das trifft grad bei mir ins Tiefschwarze. (Ich ernte gerade die Früchte chronischer „Wenn erst mal X, dann mache ich endlich Y“-itis, und das ist hässliches Zeug. Und trotzdem ist der Gedanke „Erst mal Z abwarten“ verdammt verlockend.)

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    1. Jaaa… sehr verlockend ist das. Freut mich, wenn der Text dich motivieren kann, Z nicht auch vorbei streichen zu lassen.
      Wenn ich sowas schreibe, dann immer auch um mich selbst zu motivieren, nach den beschriebenen Werten zu handeln. Hier ist das definitiv so. Auch wenn es mit jeder Entscheidung zum Nicht-Warten ein wenig leichter wird, es ist trotzdem jedes Mal noch schwer genug :/

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